Aus dem Englischen von Marco Boltz
Liebe Freunde,
da der Bericht von Ende Oktober schon recht alt ist, werde ich einfach
ein kurzes Update beifügen bevor ich beide veröffentliche.
In Bezug auf meine Arbeit hat sich nicht viel verändert. Ich mache
immer noch die Büroarbeiten und die Fahrten. Das Verhältnis zu meinen Vorgesetzten hat
sich entspannt, vermutlich weil ich kaum Kontakt mit den Leuten hatte, mit denen ich nicht
klar komme. Ich habe mich noch besser eingelebt. Viele Dinge sind zur Routine geworden,
und ich erledige sie auch ganz gut. Ich bin Konflikt und Konfrontation aus dem Wege
gegangen. Ist auf die Art alles bestens?
Nicht wirklich. Ich glaube, eine große Chance zu verpassen: während
meines Aufenthaltes das wahre Südafrika kennenzulernen. Was auch immer das Für und Wider
des Ubuntu sein mag - es ist ein Ort der Ausnahmen, vollkommen anders als die Townships
oder die schwarze Bevölkerung auf dem Lande. Ich denke nicht, und das habe ich auch von
verschiedenen Freunden gehört, daß ich hier die Kultur der Schwarzen kennenlernen
werden. Außerdem gibt es im Großen und Ganzen aufgrund der geographischen Isolation auch
nicht viel Kontakt mit der Gemeinschaft. Um ihre Kultur kennenzulernen, bin ich
hauptsächlich von den Leuten abhängig, die hierher kommen, und obwohl ich bereits
einiges von unseren Angestellten gelernt habe, wird es niemals mit der Erfahrung eines
Zusammenlebens mit ihnen vergleichbar sein.
Außerdem bin ich mit meinem Bürojob eher unzufrieden. Als ich mich
begonnen hatte für diesen Dienst zu bewerben, hatte ich mir genau das erhofft, was ich
jetzt habe: leichte Kopfarbeit in einem exotischen Land. Aber während der gesamten
Vorbereitungen erkannte ich, daß ich etwas anderes brauchte. Ich nannte es meine
Suche nach Einfühlvermögen".
Ich hatte immer Probleme, die Schmerzen anderer nachzuempfinden. Ich
blockte diese Dinge immer ab, um mich nicht damit befassen zu müssen. Aber ich erkenne
immer mehr, daß mich diese Eigenschaft kleiner macht. Ich benötige Einfühlvermögen um
menschlich und emotional zu wachsen. Ich dachte, daß mir dieser Dienst und die geplante
Arbeit mit den verhaltensgestörten Kindern bei meiner Suche helfen würden. Mich etwas
einfühlsamer zu machen, mir etwas mehr Gleichgewicht zu geben, wo bisher mein Intellekt
sehr stark dominierte und ich mich tieferen Emotionen entzog.
(Leider errreicht man diese Eigenschaften fast immer eher unbewußt und
nicht mit dem Vorsatz, sie sich anzueignen!....Anmerkung des Übersetzers)
Wiederum hat das Ubuntu nicht das in mir ausgelöst, was ich mir
erhofft hatte, ähnlich der schwarzen Kultur wie bereits oben angeführt. Ich arbeite
nicht mit Kindern - ich arbeite nicht mit dem Herzen. Ich arbeite mit dem Kopf. Und ich
werde nicht gefordert. Steuerformulare, Schecks und Budgets sind Dinge, mit denen ich ohne
weiteres klarkomme, aber ich möchte gefordert werden, vor allem emotional.
(Wenn man auf dieses Erlebnis wartet und sich an jeden Grashalm
klammert, erkennt man aber auch nicht unbedingt den eigenen Wandel. Im Gegenteil, im
schlimmsten Fall bildet man sich ein, daß er eingetreten ist, weil die Alternative eher
abschreckend wirkt!....Anmerkung des Übersetzers)
Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, den Job zu wechseln. Ich
glaube, daß, wenn ich aufgrund meines persönliches Konfliktes mit den Leuten hier
einfach aufgegeben hätte, es mir verwehrt geblieben wäre, zu lernen, mit Situationen wie
dieser umzugehen. Aber jetzt, obwohl ich damit ganz gut zurecht komme, denke ich, ist eine
Veränderung mehr gerechtfertigt als je zuvor. Ich befürchte, daß wenn ich diesen
Schritt nicht gehe, meine Zeit hier unten sehr schnell vorbei sein wird, ohne große
Veränderungen in mir hinterlassen zu haben. Ich würde Südafrika verlassen, ohne die
Erfahrung nach der es mir verlangt. Und das kann ich nicht akzeptieren!
Wohin sollte ich also gehen? Ich weiß es noch nicht. Es gibt da ein
SOS-Kinderdorf im nahegelegenen Mamelodi-Township. Es könnte mir, so hoffe ich,
einerseits die Auseinandersetzung mit der schwarzen Kultur andererseits aber auch die
emotionale Herausforderung bieten. Einige haben mich gewarnt, daß ich dort als Weißer
nicht akzeptiert werden würde. Andere haben mir das Gegenteil versichert. Ich neige eher
dazu, letzterem Glauben zu schenken. Die Kriminalität ist ein weiterer Punkt, in den
Townships ist sie schlimmer als anderswo. Aber unsere Angestellten erzählen mir, daß es
überhaupt nicht so schlimm ist. Sie leben damit und überleben auch. Außerdem würde ich
weniger Geld bekommen als hier, und vielleicht habe ich auch kein Auto, das ich benutzen
kann..
Das ist eine schwierige Entscheidung, die ich da fällen muß. Ich
halte auch Ausschau nach anderen Projekten. Ein Freund von mir baut gerade ein Waisenhaus
im Norden des Landes auf, und er hat mich gebeten, ihm zu helfen. Auch das wäre ein gute
Erfahrung. Trotz alledem wird diese Sache nicht vor Juni 1999 stehen, was eine lange
Wartezeit bedeutet. Um das Maß noch voll zu machen, muß ich jeden Dienststellenwechsel
von meiner Zivildienstbeauftragten genehmigen lassen - und ich habe keine Garantie, daß
sie dies tut. Ich werde in zwei Wochen mit ihr darüber sprechen.
Wie Ihr sehen könnt, habe ich hier mit argen Problemen zu kämpfen.
Aber das hat den Vorteil, daß unterm Strich keine Langeweile aufkommt. Ich halte Euch auf
dem Laufenden!
Ich drueck Euch
Ingo